Gesellschaft 1.0 – Ich kann das nicht

Wahlkampf. Schön, spannend, interessant und auch anstrengend.

„SIE WOLLEN DEN KARFREITAG ABSCHAFFEN!“
„Nein, wollen wir nicht – “
„DOCH!“
„Es ging nur um das Tanzverbot, wir -“
„SIE DÜRFEN DA NICHT TANZEN!“

Danach wurde ich dann laut. Mir entzieht sich einfach, warum ich auf etwas verzichten soll was niemanden stört, nur weil ich seine Glaubensüberzeugungen nicht teile. Um es mal deutlich zu sagen, es ist mir persönlich komplett egal welcher Zimmermannssohn wann,wo und von wem genagelt wurde. Und von mir aus kann jeder Christ in Ruhe diesen Tag feiern wie er will. Ich möchte dabei auch nicht stören. Aber wenn ich in einem abgelegenen Vorort in eine Disco gehe, störe ich niemanden. Und ich lasse mir mein Leben nicht vorschreiben.

Ich wurde nach einem etwas lauten Diskurs mit einem konservativen, christlichen Rentner darauf hingewiesen, dass schreien nichts bringt. Das stimmt sogar. Glaube ich. Aber wenn ich zurückschreien will, dann möchte ich das auch dürfen. Irgendwas ist in meiner Sozialisation schiefgelaufen. Muss an den vielen Punks und Chaträumen gelegen haben, ich bin einfach Freiheit gewöhnt. Aber in der Gesellschaft 1.0 funktioniert das nicht. Scheinbar.

Im Netz klappt das. Wenn da jemand einfach mal ’ne Mail schreibt deren Betreff durchgehend in Caps geschrieben ist, dann ist das unhöflich, dann darf ich auch in Caps zurückschreiben. So weit die Theorie.

Auch sollte man meinen, 4 Hinweise das Fullquotes einfach unnötig und Mails in 3 Farben unübersichtlich sind, könnten verstanden werden. Nein. Da wird munter weiter gemacht. TOFU kennt man nicht, kursiv-blau eingefügte Kommentare kommen dazu. Eine E-Mail hin und drei Antworten zurück, für diese drei Antworten werden dann drei neue Threads aufgemacht. Solche Leute gehen mir auf den Keks und zwar gewaltig.

Von mir wird erwartet, dass ich mich in der Gesellschaft 1.0 vernünftig benehme. Im Gegenzug muss ich Mails lesen die mir die Netzhaut grillen. Man stelle sich also vor, auf einem Stammtisch wird beschlossen eine Pressemitteilung zu schreiben. Und dann kommt von der Fraktion „Ich mach mal Urlaub, sammelt ihr bitte meine Unterstützungsunterschriften“ folgende Frage: „Wissen alle davon? Wann wurden die Leser der Liste informiert?“. Ja, alle die da waren. Den Rest haben wir über Twitter informiert. Hat er jetzt nicht, weiss ich. Da kann man ja auch nicht in blau schreiben.

Wie sehr einige Leute das Internet nicht verstehen, zeigt sich in diesen Tagen auf der Bochumer Mailingliste der Piraten. Einfach mal nach ‚Steude‘ suchen. Das Hierarchiedenken und Top-Down Mentalität scheint im Kopf irgendwo festgenagelt zu sein, in schwarz-blau-kursiv.

Ich bin kurz davor beim nächsten Mal auf dem Stammtisch einfach mal nur zu schreien, oder alternativ jedesmal das gesagte meines Gegenübers zu wiederholen bevor ich antworte. Fullquote RL ohne TOFU. Wenn jemand in meinen Lebensraum 2.0 kotzt, kotze ich in 1.0 zurück.