Etikette(n)

Aus den üblichen Quellen strömt, wieder einmal, eine Diskussion die mich an den Rand meines Verständnishorizontes treibt. Menschen fordern Höflichkeit, Fairness, Etiquette. Und schon crasht meine Sozialisierung mit der Gesellschaft. Ich nehme niemandem ein „Arschloch“ übel, empfinde Klarnamensforderungen im Internet aber dann doch fast schon als persönlichen Angriff.

Wie aber verträgt sich ein Netzbesucher mit „Hier gibt es keine Klarnamenspflicht du Arsch, halt dich an die Netiquette“ ?  Nicht so gut.
Muss man provozieren? Und wer legt eigentlich die Regeln fest? Die Gesellschaft? Das klingt nach einem einheitlichen Konstrukt. Gibt es aber nicht.

Ich schaue um mich rum und stelle verschiedenes fest:
Menschen die das Netz benutzen und sich nicht darin bewegen versuchen ihre Vorstellungen von Höflichkeit, Anstand und Umgangston auch auf ihre Netzkommunikation auszudehnen und erwarten, was kein Vorwurf ist, genau diese Verhaltensweisen auch von anderen, da der Unterschied zwischen „Das Netz nutzen“ und „Teil des Netzes sein“ nicht erkannt wird.

Menschen die sich im Netz bewegen und es nicht „nur“ benutzen, fühlen sich angegriffen wenn man versucht ihnen Verhaltensweisen nahe zu legen, die sie nicht mehr gewohnt sind. Ein Eingriff in den persönlichen Lebensraum, der von anderen als solcher nicht wahrgenommen wird. Gepaart mit der eigenen Unfähigkeit den Lebensraum temporär zu verlassen und auf eine mediale Ebene zu wechseln.

Provokation. Ein probates Mittel, auch der Satire, um Missstände aufzudecken. Aber bitte nur, wenn das vernünftig gekennzeichnet ist. Ich kann hier auch kein Aufruf zum Massenmord reinschreiben und hinterher behaupten es sei nur ein „Testballon“ gewesen um mal ein bisschen zu provozieren. Darf man das? Natürlich darf man das. Es herrscht Meinungsfreiheit. Muss man das toll finden? Mit Sicherheit nicht, vor allem ist es irgendwann nicht mehr glaubwürdig erst nach einem Rant die Stilmittel aufzudecken. Man kann auch behaupten alle anderen wären zu doof, das wäre dann arrogant, Arroganz macht Sexy, also war es doch nicht arrogant.

Und nun wieder zur Höflichkeit. Wenn ich nun nett und freundlich bin und jemandem rhetorisch wertvoll ins Gesicht spucke, ist es dann noch höflich? Kommt dann darauf an wie man sich im Netz bewegt. Transportiert man seine erlernten und geübten Verhaltensweisen von außerhalb des Netzes in das Netz hinein, dann passt das. Nutzt man das Netz anders ist das wahrscheinlich nichts anderes als 1.0-Scheiße.  Verzeihung, ich habe Scheiße gesagt.

Andersrum, wenn ich Leute auf eine Art und Weise anspreche wie ich es gewohnt bin, fallen die aus allen Wolken. Einfach mal in einer Diskussion einem eher konservativen Vertreter sagen, er rede „Sexistischen Kackscheiß“. Dann auf die Reaktion schauen. Es ist erheiternd. Und beim Lachen bleibt selbiges im Halse stecken wenn man realisiert, dass man gerade angeeckt ist und ernsthaft nachdenken muss warum eigentlich.

Das alles ist nicht weiter schlimm, solange alle Beteiligten einen Konsens möchten und man sich irgendwo „in der Mitte“ trifft, also in der Mitte die es nicht gibt. Denn letztlich klappt es nur wenn eine Seite einen Schritt zurück macht.

Nun die Sichtweise von meinem Standpunkt aus. Was passiert wenn man auf Menschen trifft denen man Fleckfieber und Furunkel am Arsch wünscht?
Die kommen daher, labern einen mit ihrer passiv-aggressiven Scheiße voll. Irgendwann verliert man die Geduld und man hat zwei Möglichkeiten:

a) „Mach den Kopp zu du Arschkrampe“ oder
b) ignorieren

Ignorieren bedeutet aber den Troll weiter trollen zu lassen. Und da die „Zeiten des Flausches vorbei sind“ (© Strunz) und „Don’t feed the troll“ keine Option mehr ist (© HerrUrbach) kann das nicht die Lösung sein. Die praktikabelste Lösung ist demnach konstruktiv eine Idee veröffentlichen. Das kann man dann, wie wir es gewohnt sind, transparent und offen machen. Und was passiert dann? Troll-Alarm, Popcorn-Stufe 4 und man greift zu Methode :

a) „Mach den Kopp zu du Arschkrampe“

Das ist die Wahrheit, sie ist nicht nett, sie ist nach gewissen Maßstäben nicht höflich, aber sie ist ehrlich. Dann geht es los, man wird auf die Höflichkeit hingewiesen. Wer geht dann einen Schritt zurück? Da man niemandem beibringen kann auf einmal im Netz zu wohnen, macht ein Teil der Netzgemeinde einen Hüpfer zurück. Und genau so kommt man nicht vorwärts. Also muss man ihnen erklären, dass passiv-aggressiv nicht drin ist. Verstehen sie aber auch nicht.

Und nun? Muss ich intransparent arbeiten? Das kann nicht die Lösung sein.