„Das sind doch keine Fans“ – Doch!

UnbenanntNicht erst seit den Ausschreitungen zwischen Engländern und Russen geistert es immer mal wieder durch die Medien. „Das sind doch keine Fußballfans“ oder gerne auch „sogenannte Fans“, in Bezug auf Ultras und/oder Hooligans.

Ich halte das bei Ultras für seltsam, wenn auf irgendwen der  Begriff Fan zutrifft, auch im Wortsinn, dann ist das bei den Ultras. Es kommt ja von fanatisch, respektive fanatic. Vielleicht  ist hier eher gemeint, dass man eine andere Vorstellung vom Fan sein hat als die Ultras. Ein brauchbares und gängiges Äquivalent für Supporter gibt es leider im deutschen nicht.

Am 13.6. erschien dann ein Beitrag beim BR der unter anderem Zitate und Aussagen aufgreift. Ich war sehr überrascht.

Sprachlos wäre noch das geringste, das macht mich einfach wütend, dass deutsche Fußballfans sich so benehmen und mit solchen Insignien posieren. (Verena Meiwald, Die LINKE, Landtag Sachsen)

Mich macht das auch sprachlos wie jemand so konsequent die Entwicklung im Ost-Fußball falsch einschätzen kann, zumal „Faust des Osten“ und der Dresdner K-Block in einem weiteren Zitat Erwähnung finden.

Seit den 90er Jahren erlebt jeder, aber wirklich jeder der regelmäßig Fußball in Stadien schaut, dass der Anteil an (Nazi)hools im Osten wesentlich höher ist als sonst wo in der Republik. Und wer es nicht vor Ort erlebt, es reicht für gewöhnlich einmal genauer hinzuschauen wenn Dresden, Lok Leipzig, Rostock, Zwickau oder BFC Dynamo zu Gast sind.

Es war selbst bei der WM 2006 ersichtlich, dass in Schland nicht schöne, heile Welt ist. Ich kann nicht verstehen, wie man das übersehen kann. Ich möchte hier nicht unbedingt auf Videos von Faschos verlinken, aber wenn man die Youtube-Suche nutzt und die Stadtnamen kombiniert mit „Hooligans“ oder „Riots“ wird man recht schnell fündig.

Dass dann auch noch die ZIS angeführt wird macht mich wirklich traurig. Denn die ZIS ist als seriöse Quelle für nichts zu gebrauchen. Auf einschlägigen Seiten aus Politik und Sport finden sich auch hier recht schnell die Schwachstellen dieser Statistik. Und die Gefährderansprachen der Polizei. Nun ja. Das ist ungefähr so sinnvoll wie eine Live-Performance von „Ein bisschen Frieden“ bei einer HOGESA-Demo.

Das eigentliche Problem, auch in dem Artikel ist aber meiner Meinung nach der abschließende Satz:

Ihr seid keine Fußballfans, ihr seid [einfach nur] deutsche Hooligans.

Was wird da medial versucht? Eine Abgrenzung. Wie schon zuvor bei den Ultras. „Pyros haben im Stadion aber nichts zu suchen“. Oder das gerne gehört Rethy’sche „Solche Bilder wollen wir nicht sehen“. Wohlgemerkt von den öffentlich-rechtlichen, die jetzt mit 20 Kameras vor Ort sind und sich darüber beschweren, dass die UEFA nicht alle Bilder sendet. Doch, ihr wollt diese Bilder. Ihr wollt sie senden. Ihr wollt das nur nicht im Stadion sehen. Ihr wollt euer Event vermarkten. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar und moralisch verständlich. Es ist halt nur total unglaubwürdig zu versuchen sich von Gewalt(darstellungen) zu distanzieren und dann einen Boxkampf live zu übertragen. Pure Freude an der Empörung?

Und genau diese Abgrenzungsversuche kommen nun auch von anderen Zuschauern. Die Hooligans seien keine Fans. Doch. Und zwar deswegen weil jeder für sich selber sagen kann ob er sich als Fan versteht oder nicht. Das sagt niemand von außen. Es gibt keine allgemeingültigen und akzeptierten Kriterien, wie „Hat zwei Schals, ein Trikot und geht über 1 Promille nicht ins Stadion“. (Auch wenn es zum Begriff an sich interessantes Material gibt) Jeder entscheidet das selber. Man muss weder Schlägereien im Umfeld eines Fußballfelds gut finden, noch muss man die abgesprochenen Kämpfe außerhalb gut heißen. Selbiges gilt für den menschenverachtenden Rassismus der bei HOGESA-Veranstaltungen zum Vorschein kommt. Man kann aber Leuten ihre eigene Identifikation nicht absprechen.

Warum passiert das eigentlich? Ich habe den Eindruck, wie vorher erwähnt, dass man sich hier von einer Gruppe abgrenzen will. Ich komme aus Bochum,  ich will die Nazis auch nicht in der Kurve sehen. Aber sie waren da. Mit einem „die sind keine Fans“ kriegt man die aber nicht aus der Kurve. Weil man sie einfach ausgrenzt, wegschiebt und sich dann nicht mehr mit Ihnen befassen muss. Die gehören ja nicht dazu und die „echten Fans“ sind alle toll?

Damit stehen die immer noch in der Kurve, sind immer noch Nazis, treten immer noch Polizisten in Berufsunfähigkeit. Und einige zünden immer noch Asylbewerberheime an. Also die ganze Ausgrenzung nur um das Bild der schönen, heilen Fußballwelt aufrecht zu erhalten?

Die Hooligans zeigen, auf eine grausam andere Art und Weise als die Ultras, woher der Fußball kommt, was er war und was man sich nicht nehmen lassen will. Alles das kann man kritisieren. Aber wenn man alle ins Boot kriegen will und gemeinsam das Problem angehen will, dann ist ein „Das sind keine Fans“ genau der falsche Weg, weil damit jeder, der sich als Fan sieht und nicht zu den Hooligans gehört, aus der Verantwortung entlassen wird etwas zu tun.